:: SWS-INFOS ::







Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: »Offenes Heft« - Ausgewählte Rezension

Winker, Gabriele/ Degele, Nina:  Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten (2009)
Bielefeld: transcript. Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis

Rezensiert von: Sigrid Kroismayr

Der Begriff »Intersektionalität« leitet sich aus dem englischen intersection (= Schnittmenge, Schnittpunkt) ab, und bezeichnet im gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs die Überschneidung von mehreren Formen der Diskriminierung aufgrund bestimmter Merkmale, die in Personen oder sozialen Gruppen zusammentreffen. In ihrem Buch setzen sich die Soziologinnen Gabriele Winker, Professorin an der TU Hamburg, und Nina Degele, Professorin an der Universität Freiburg, mit dem seit den 1990er-Jahren im deutschen Sprachraum in der Frauen- und Geschlechterforschung zunehmend populärer werdenden Begriff sowohl theoretisch als auch empirisch eingehend auseinander. Positiv zu vermerken ist, dass sie dies in einer klaren Sprache tun und dass damit das Buch auch für Personen außerhalb des primär angesprochenen soziologischen InteressentInnenkreises zu einer anregenden Lektüre wird.

In der Einleitung greifen die Autorinnen zunächst etwa folgende allgemeine Fragen auf: Was ist unter Intersektionalität zu verstehen? Welche Kategorien mit Diskriminierungspotenzial sollen in eine intersektionale Analyse einfließen und wie sind sie zu gewichten? Welche Ebenen sollen dabei berücksichtigt und wie können diese miteinander verknüpft werden? Im zweiten Kapitel legen Winker und Degele ihren eigenen Zugang dar und unterscheiden zwischen den vier Ungleichheitskategorien Klasse, Geschlecht, Rasse und Körper. Um deren Bedeutung für Diskriminierungserfahrungen zu bestimmen, schlagen sie vor, diese auf drei Ebenen zu untersuchen: der Struktur-, Symbol- und Identitätsebene. Die Strukturebene ist die Makroebene. Dabei soll aufgezeigt werden, in welche strukturellen Zusammenhänge das Handeln der AkteurInnen eingebettet ist. Die Identitätsebene wiederum ist auf der Mikroebene angesiedelt – sie soll aufzeigen, inwieweit die AkteurInnen selbst auf Diskriminierungskategorien Bezug nehmen. Die Symbolebene nimmt eine Mittelstellung ein, indem damit die Normen und Deutungsmuster erfasst werden sollen, von denen sich die AkteurInnen leiten lassen. Sie umfasst sowohl Makro- als auch Mikroelemente.

Aus diesem Zugang der Autorinnen geht hervor, dass die Analyse von Intersektionalität primär ein qualitatives Untersuchungsdesign erforderlich macht, da ja die persönlichen Sichtweisen der AkteurInnen von Interesse sind. Winker und Degele definieren im Weiteren für die intersektionale Mehrebenenanalyse acht Arbeitsschritte (Kap. 3). Anschließend (Kap. 4) geben sie anhand von Gesprächen mit 13 erwerbslosen Personen ein Beispiel, wie diese Arbeitsschritte konkret in die Auswertungspraxis um¬gesetzt werden können. Insgesamt zeichnet sich das Buch durch einen äußerst kohärenten Aufbau aus, der primär dadurch entsteht, dass die Autorinnen beständig ihre Analyseeinheiten im Blick haben und auf diese fokussieren. Inwieweit vermag allerdings ihr Zugang tatsächlich zu überzeugen und welcher Neuwert ist damit verbunden?

Winker und Degele selbst heben hervor, dass mit ihrem Zugang die intersektionale Analyse durch die Makroperspektive ergänzt wird (Struktur- und Symbolebene), während bisherige Studien sich vor allem auf die Mikroebene beziehen. Nichtsdestotrotz setzen auch die Autorinnen auf der Ebene der AkteurInnen an. Dass sie zusätzlich die Makroebene berücksichtigen, sollte für eine -soziologische Studie eigentlich selbstverständlich sein. Das Problem, das sich aus einer soziologischen Perspektive ergibt, ist jedoch, wie die schwierige Trennung zwischen Gesellschaft und Individuum, Struktur und Handlung überwunden werden kann.

Gerade hier überzeugt ihr Ansatz aber wenig. Zwar greifen die Autorinnen für die Mehrebenenanalyse auf Bourdieus Theorie der sozialen Praxis zurück, ohne aber den Begriff des »Habitus« in die Analyse zu integrieren. Ohne den Habitusbegriff bleibt jedoch die Analyse sozialer Praxis bzw. sozialer Ungleichheit ohne Sinn: Denn die soziale Praxis ist nicht einfach da – sie ist etwas Gewordenes und hat eine Geschichte. Die Geschichtlichkeit, das Gewordensein des Menschen wird durch den Habitus zum Ausdruck gebracht. Denn mit ihm hat Bourdieu die durch die Herkunftsfamilie (oder auch durch weiter zurückreichende Generationen) vermittelten Dispositionen von Bewusstseins-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata bezeichnet, die die Grundlage für unsere weiteren (mehr oder weniger bewusst getroffenen) Lebensentscheidungen bilden. Das erworbene Dispositionssystem (der Habitus) bringt dabei, je nach Position der AkteurInnen im sozialen Raum, eine unterschiedliche soziale Praxis hervor.

Hält man sich an Bourdieu, wird man nicht umhinkommen, den Habitus von Klassenlagen der AkteurInnen als das zentrale Differenzierungsmerkmal anzuerkennen. Damit will Bourdieu die -Bedeutung des Geschlechts als wichtige Ungleichheitskategorie keineswegs herunterspielen, geht aber davon aus, dass die Dispositionen ganz verschiedene Formen annehmen, je nachdem, ob eine Frau der beherrschten oder der herrschenden Klasse angehört. Vielleicht ist es diese Prämisse, die Winker und Degele dazu veranlasst hat, das Habituskonzept nicht in ihren »praxeologischen Intersektionalitätsansatz« aufzunehmen. Bei ihnen stehen ja die vier Ungleichheitskategorien Klasse, Geschlecht, Rasse und Körper gleichberechtigt nebeneinander, wenngleich sie herausarbeiten, dass nicht alle diese Unterscheidungsmerkmale in einer bestimmten Situation gleich bedeutsam sind.

Trotzdem ist es meiner Meinung nach wissenschaftlich fragwürdig, sich aus dem begrifflichen Werkzeugkoffer, den Bourdieu hinterlassen hat, ein »Tool« herauszunehmen, ohne es in seiner vollen inhaltlichen Tiefe zu verwenden, sondern im Gegenteil um sein wichtigstes Element, den Habitusbegriff, zu verkürzen.

Die oberflächliche Bezugnahme auf Bourdieu zeigt sich im Weiteren auch daran, dass die Autorinnen für die qualitative Auswertung ihrer Interviews auf die in den Sozialwissenschaften sehr populäre Darstellung von Udo Kelle und Susanne Kluge »Vom Einzelfall zum Typus« (1999) zurückgreifen. Inwieweit sich diese mit dem Zugang von Bourdieu vereinbaren lässt, ist ebenfalls in Frage zu stellen. Bourdieu selbst hat in seinen Analysen niemals von »Typen« gesprochen, sondern versucht, die Strategien als Erzeugungsprinzip des Habitus aufzuzeigen, von denen sich die AkteurInnen in ihrem Handeln leiten lassen. Insgesamt überwiegt daher der Eindruck, dass sich die Autorinnen in ihrem Ansatz durchaus in konventionellen soziologischen Denktraditionen bewegen. Um sich jedoch eine eigene Meinung und ein eigenes Urteil zu bilden, kann dem interessierten Leser und der interessierten Leserin nur geraten werden, das Buch selbst in die Hand zu nehmen und zu studieren.