Facebook





Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: Berufliche Aus- und Weiterbildung in einer sich wandelnden Arbeitswelt - Ausgewählte Rezension

Ziegler, Jean:  Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin (2019)
München: C. Bertelsmann Verlag.

Rezensiert von: Martin Klein

In einem von kapitalistischen Gesellschaften geprägten Zeitalter wird uns der Kapitalismus vielfach als unantastbare Wirklichkeit vermittelt. Der Schweizer Soziologe, Kapitalismus- und Globalisierungskritiker Jean Ziegler versucht mit seinem aktuellen Buch „Was ist so schlimm am Kapitalismus?" eine kritische Sichtweise dieses Systems. Bekannt wurde er vielen aufgrund seiner Tätigkeit als Sonderberichterstatter für die Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung.

In seinem aktuellen Werk analysiert und kritisiert Ziegler das kapitalistische System in einer anekdotenhaften Art und Weise, literarisch dargestellt als Gespräch mit seiner Enkelin Zohra. Der Aufbau erklärt sich aus den thematisch strukturierten Fragen und dem daraus entstehenden Gesprächsverlauf mit seiner Enkelin.

Ziegler eröffnet seine Erzählung mit der Präsentation eines Streitgesprächs mit Peter Brabeck-Letmathe, dem damaligen Präsidenten des Verwaltungsrates von Nestlé. Dessen Aussage, dass der Kapitalismus das gerechteste System sei, weil heutzutage deutlich weniger Menschen krank und arm seien als vor 200 Jahren, widerspricht Ziegler, indem er darauf verweist, dass aufgrund dieses Systems täglich zahlreiche Kinder verhungern und sterben und dass der Kapitalismus die Umwelt vergiftet und beschädigt. Zwar streitet er gewisse positive Effekte nicht ab, er verweist aber darauf, dass nur ein kleiner Teil der Menschheit im Überfluss lebt, während der deutlich größere Teil diesen Überfluss durch Armut kompensieren muss.

In den darauf folgenden Kapiteln beschreibt Ziegler historische Entwicklungen, beginnend mit den Anfängen des Kapitalismus im 17. und 18. Jahrhundert und mit dem Verweis auf die Analyse von Karl Marx, der im 19. Jahrhundert in der „Akkumulation des Mehrwerts“ (24) ein wesentliches Problem des Kapitalismus erkennt: Wenn ArbeiterInnen zum geringstmöglichen Lohn eingesetzt werden und der Hauptanteil des Gewinns bei den Kapitalisten bleibt, erzeugt das automatisch eine Ungerechtigkeit. Ziegler behandelt den Erfolgsweg des Kapitalismus mit seiner ökonomischen, politischen und ideologischen Entfaltung in der Französischen Revolution. In diesem Zusammenhang bringt der Autor das Privateigentum als weiteres Konfliktfeld ein und bezeichnet es als den „Kern des Problems“ (36).

Die folgenden Teile des Buches präsentieren eine zeitgenössische Analyse des Kapitalismus, beginnend mit dem Wegfall der Bipolarität durch den Zerfall des Ostblocks und der daraus resultierenden Vorherrschaft des Kapitalismus in globalem Rahmen. Dieser Umstand sowie der technologische Fortschritt (Abbau von räumlichen Distanzen durch Fortschritte in der Telekommunikation, Effizienzsteigerung in der Elektronik und Informatik) sichern laut Ziegler das Monopol des Kapitalismus.

Die anschließenden Kapitel bemängeln die Ungleichheit der Menschen im kapitalistischen System. Einerseits demonstriert Ziegler diese Diskrepanz mit Zahlen, indem er aufzeigt, dass die 85 reichsten Personen der Welt genauso viel besitzen wie die ärmsten 3,5 Milliarden. Andererseits bringt er diesen Umstand mit folgender Argumentation auf den Punkt: „...was uns von den Opfern trennt, ist nur der Zufall der Geburt“ (81). Dieser Gegensatz gilt gleichermaßen für Individuen als auch für ganze Staaten. Deshalb befinden sich zahlreiche Länder der südlichen Hemisphäre in einem Teufelskreis, weil sie durch ihre Schuldenlast und die dadurch immer wieder neu anfallenden Zinsen nicht in der Lage sind, autark zu handeln. Ziegler führt Beispiele an, in denen KapitalistInnen den Verkauf von Nahrungsmittelvorräten zur Schuldenreduktion erzwingen (z. B. Maisvorräte in Malawi), was den Hungertod der verarmten Bevölkerung zur Folge hat.

Da laut Ziegler auch die Medien von einigen reichen Kapitalisten kontrolliert werden, beeinflussen diese auch unser kollektives Bewusstsein in einer den Kapitalismus fördernden Weise. So werden Ereignisse wie 9/11 vielleicht als bewusste Ablenkung in den Vordergrund gerückt, die ohne Zweifel tragisch sind, jedoch in keiner Relation zu Resultaten kapitalistischer Ausbeutung stehen, wie etwa zum Verhungern von täglich rund 17.000 Kindern (unter zehn Jahren) auf der südlichen Halbkugel der Erde, worüber medial nicht berichtet wird. Das fehlende schlechte Gewissen der KapitalistInnen erklärt der Autor damit, dass sich die handelnden Personen keiner Verantwortung bewusst sind.

Schließlich argumentiert der Autor im letzten Kapitel, dass eine Reform dieses Systems nicht möglich ist und lediglich eine Zerstörung zur Lösung führen kann. Auch wenn dieser Vorsatz wie eine Utopie klingt, weist Ziegler darauf hin, dass die Geschichte bereits Utopien verwirklicht hat (wie z. B. die Abschaffung der Sklaverei, die Einführung des Frauenwahlrechts oder die allgemeine Sozialversicherung). Entscheidend ist dabei, dass für die Verwirklichung dieser Utopie kleine Schritte notwendig sind. Deshalb fordert er jede einzelne Person zum Aufstand gegen die seiner Ansicht nach von Oligarchen geleitete Weltregierung auf, die nur gemeinsam, mit Hilfe einer internationalen Zivilgesellschaft, gestürzt werden kann. In kleinen sozialen Bewegungen, wie etwa Via Campesina, Greenpeace, Amnesty International, sieht Ziegler einen ersten Schritt in die richtige Richtung.

Das gut verständlich geschriebene Buch, das sich dennoch mit diffizilen Kontroversen unserer Gesellschaft beschäftigt, bringt Probleme auf den Punkt und spart nicht mit Kritik an der aktuellen Politik. Aufgrund seiner Tätigkeit als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung bereichert Ziegler dieses Buch mit persönlichen Erfahrungen im Rahmen seiner Funktion, und bringt darüber hinaus vielseitige soziologische Erkenntnisse ein. Die LeserInnen begeben sich auf eine Reise durch den Kapitalismus, beginnend mit seiner Entstehung bis zu seinem möglichen Ende. Kurzum, ein sehr lesenswertes Buch und eine gelungene Darstellung mit nachvollziehbarer Kritik an einem global verbreiteten System, auch wenn das vielleicht erwartete Patentrezept ausbleibt.