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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: OFFENES HEFT - Ausgewählte Rezension

bell hooks :  Die Bedeutung der Klasse. Warum die Verhältnisse nicht auf Rassismus und Sexismus zu reduzieren sind (2020)
Münster: Unrast Verlag.

Rezensiert von: Gertrude Eigelsreiter-Jashari

„Class Matters“– Das bereits im Jahr 2000 auf Englisch erschienene Buch von bell hooks kam im Mai 2020 endlich auf Deutsch unter dem Titel „Die Bedeutung von Klasse“, übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Jessica Yawa Agoku, heraus.

„Klasse“ war im Dreigespann von race, gender und class lange eine tabuisierte Kategorie. „Klassismus“ als Begriff, angelehnt an die Begriffe „Sexismus“ und „Rassismus“, war erst ab den 2000er-Jahren im deutschsprachigen Raum im Vormarsch, als eine Form der Diskriminierung und Unterdrückung aufgrund der Klassenzugehörigkeit. Klassismus ist nach wie vor in vielen Bereichen noch ein Tabu, unsichtbar, nicht benannt. Die Wirkkraft ist umso stärker und umso wichtiger ist es, dass nun dieser im Unrast Verlag erschienene Band vorliegt.

Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin bell hooks, die Englische Literatur am City College of New York lehrte und seit 2004 eine Professur im Berea College/ Kentucky innehat, beleuchtet in ihrer aktuellen Publikation die vielfältigen und komplexen Verwobenheiten von Geschlecht, Ethnie und Klasse. Aus einer sehr persönlichen und biografischen Sicht liefert sie mit einem intersektionalen Ansatz empirisch fundierte Gesellschaftsanalyse und Kulturkritik.

bell hooks wurde als Gloria Watkins 1952 in Hopkinsville/ Kentucky geboren. Aufgewachsen ist sie mit ihren fünf Schwestern und einem Bruder, der Vater war Wachmann, die Mutter Hausfrau. Ihr Pseudonym – von ihr in Kleinschreibung publiziert –, der Name ihrer indigenen Großmutter, führt sie zu deren Ehrung. Als Verfechterin feministischer und antirassistischer Ansätze spielt ihre Herkunft aus einer afro-amerikanischen ArbeiterInnen-Familie eine zentrale Rolle, etwa wenn es einerseits um den Stolz der ArbeiterInnen-Klasse geht und andererseits um das gleichzeitige Nicht-Reden darüber.

In 14 kurzen Kapiteln beschreibt sie basierend auf einem Klassenbegriff, der stark vom Alltag und von sozialen Bewegungen ausgeht, die Bedeutung von Klassen innerhalb von Familien bis hin zu privilegierten Vormachtstellungen, Politiken der Gier, das Reich-Sein und seine Implikationen im Zusammenhang mit Klasse und race sowie Feminismus und Klassenmacht, weiße Armut, Solidarität mit den Armen und wie diese zu erreichen sei. Sie schreibt von der Arbeiterklasse und der weißen Mittelklasse, verweist auf die Notwendigkeit von Klassensolidarität und entwickelt Visionen und Strategien des Empowerment für alle Klassen. Der Kontext bezieht sich dabei auf die USA, lässt sich aber problemlos auf europäische Staaten übertragen.

Im Kapitel „Klasse und Race: Die neue Schwarze Elite“ analysiert bell hooks die konkreten Strukturen dieser Kategorien und zeigt Möglichkeiten auf, wie Patriarchat (Sexismus), weiße Vorherrschaft (Rassismus) und Kapitalismus (Klassismus) überwunden werden können: „Wir müssen mutig jene Privilegierten herausfordern, die aggressiv versuchen, den Bedürftigen die Chance zu verweigern, ihr Schicksal zu verändern. …. Mit dem Wissen, dass viele Schwarze, die versuchen, im bestehenden System weißer Vorherrschaft erfolgreich zu sein, auch das Denken und Handeln der herrschenden Weißen übernehmen, benötigen wir komplexe Strategien, um ihre Ausbeutung und Unterdrückung der Massen herauszufordern und ihnen etwas entgegenzusetzen“ (111). In diesem Sinne fordert sie, dass jede brauchbare antirassistische Bewegung für soziale Gerechtigkeit „ein Programm haben muss, das darauf abzielt, jene Schwarzen zu dekolonialisieren und zum Umdenken zu bewegen, die insgeheim dazu beitragen, den Status quo aufrecht zu erhalten“ (ebd.).

Sehr beeindruckend beschreibt sie ihre Kritik an den schwarzen Eliten: „Mehr als je zuvor reihen sich einzelne Schwarze in die Riege der Reichen und der Oberschicht ein. Die Treue zu ihren Klasseninteressen ersetzt für gewöhnlich die Solidarität zur eigenen Herkunft. Sie lassen jedoch nicht nur die unterprivilegierte Schwarze Masse zurück, vielmehr kollaborieren sie mit einem System der Dominanz, das die Ausbeutung und Unterdrückung der Armen sicherstellt“ (108).

Demgegenüber fordert sie Solidarität mit und unter den Armen. Sie geht dabei von einem Solidaritätsbegriff aus, wie sie ihn in ihrer Kindheit am Ort ihrer Großeltern als selbstverständlich erlebt hat. bell hooks wendet sich damit gegen die Spaltung Unterdrückter, propagiert eine Strategie der praktischen Solidarität und fordert dazu auf, sich von Aufstiegsfantasien zu lösen. Dazu gehört aus ihrer Sicht auch, Ressourcen zu teilen und bewusst Verzicht zu üben. Aus ihrem persönlichen Leben führt sie dazu Beispiele an: „Ein Weg, wie wir dieses Ziel erreicht haben, war, ein einfaches Leben zu führen, unsere Ressourcen zu teilen und die Weigerung, sich auf den hedonistischen Konsumismus und die Politik der Gier einzulassen. Unser Ziel war nicht reich, sondern wirtschaftlich unabhängig zu werden …“ (120).

Korrespondierend damit streicht bell hooks auch die Abwertung von Armen in Folge mangelnden Konsums heraus: „In einer Welt, in der die Fähigkeit zum Konsumieren und die erworbenen Gegenstände den eigenen Wert bestimmen, kann es keinen Respekt vor den Armen geben. Die Staatsbürgerschaft des Konsums hat keinen Platz für diejenigen, denen es an Kaufkraft fehlt“ (136).

Die Kombination differenzierter Analyse und empirischer Beispiele mit persönlichen Erfahrungen, geschrieben aus der Position einer schwarzen „Klassenwechslerin“, vereint Theorie und Praxis in anschaulicher Weise; komplexe Intersektionalitäten, also die Verschränkung von verschiedene Ungleichheiten hervorrufenden Strukturkategorien, werden deutlich sichtbar.

Es handelt sich nicht nur um ein ausgezeichnet geschriebenes und faszinierendes Buch, sondern die Inhalte sind allen Forschenden, Lehrenden und Studierenden in den Sozialwissenschaften ans Herz gelegt, insbesondere jenen, die sich mit Ungleichheitsforschung und Intersektionalität befassen. Darüber hinaus enthält die Publikation jede Menge an Inspirationen für jene WissenschaftlerInnen, die ihre berufliche Verantwortung auch darin sehen, Gesellschaft mitzugestalten und sich dafür aktiv zu engagieren.