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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: »Solidarität« - Ausgewählte Rezension

Bude, Heinz :  Die Zukunft einer großen Idee (2019)
München: Hanser Verlag.

Rezensiert von: Hans Holzinger

Nach „Gesellschaft der Angst“ (2014) und „Das Gefühl der Welt“ (2016) – Büchern, in denen es um die Macht von Stimmungen geht, – widmet sich der deutsche, an der Universität Kassel lehrende Professor für Soziologie, Heinz Bude, zuvor langjähriger Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, nun dem Thema „Solidarität“ bzw. der „Zukunft einer großen Idee“, wie der Untertitel des Bandes verspricht.

Der Autor möchte den Begriff der „Solidarität“ retten, in einer Zeit, in der zwar viel von Empathie geredet werde, sich aber neue Formen der Sklaverei ausbreiten: in den Putzkolonnen der Gebäudereinigung, die zu Niedrigstlöhnen arbeiten, in den Sweatshops der illegal Beschäftigten oder im Heer der von ihren eigenen Familien getrennten Hausangestellten. In einer Zeit der „enttäuschten Ideologien und der überschätzten Wissenschaft“ (11) müsse man mit großen Worten jedoch vorsichtig sein, so Bude. Es gäbe weder einen moralischen Zwang zur Solidarität noch einen in der menschlichen Natur angelegten Hang zur Solidarität, „obwohl sich Solidarität für das Zusammenleben als förderlich erweisen kann“ und „obwohl der Mensch über einzigartige Fähigkeiten zur Empathie und zur Rollenübernahme verfügt“ (ebd.). Anders als Gerechtigkeit, die herzustellen Aufgabe der Politik sei, ist Solidarität für Bude „eine Möglichkeit jedes Einzelnen“ (ebd.). Man könne sich ihr verpflichten, „weil man dadurch sein eigenes Leben reicher und lebendiger macht“ (ebd.).

In zwölf lose aneinander gereihten Kapiteln – der Autor selbst spricht von „Meditationen“ – widmet sich Bude unterschiedlichen Aspekten von Solidarität. Er spricht von der „Unschuld des Trittbrettfahrers“ (13) im modernen Wohlfahrtsstaat, der Klassensolidarität ebenso erschwere wie eine zunehmend fluider werdende Arbeitswelt der „Teams und Projektgruppen …, die die einzelnen Individuen in Gegensatz zueinander bringt“ (73). Die Solidarität der Aufbauzeit nach dem Krieg sei ebenso aufgebraucht wie jene der 1968er-Bewegung. Anspruchsdenken habe sich breit gemacht. Niemand wolle seine persönlichen Vorteile aus dem bestehenden System riskieren, indem er sich etwa einer auf Solidarität pochenden Linken anschließt: „Auf Solidarität pfeift, wer nur an sich glaubt, Solidarität entbehrt, wer die anderen ihrem Schicksal überlässt, und Solidarität ist ein Fremdwort für Menschen, denen der Zustand des Gemeinwesens gleichgültig ist“ (21) .

Mehrfach rekurriert Bude auf das Wechselwirkungsverhältnis zwischen dem Sozialstaat „als institutionalisierter Solidarität“ (45) und einer „solidarischen Ökologie des alltäglichen Miteinanders“ (44), die nur aus der Zivilgesellschaft heraus entstehen könne. Die Ambivalenz der modernen Individualisierung bzw. neoliberalen Selbstoptimierung bringt der Autor wie folgt auf den Punkt: „Die Selbstbesorgten rücken von der Idee der Solidarität ab, weil sie darin eine Formel der Schwäche und der Abhängigkeit erkennen. Wer Solidarität fordert, kann oder will sich nicht selbst helfen“ (50). In dieselbe Kerbe schlagen Budes Ausführungen zum neuen Trend der „Achtsamkeit“ (mit dem etwa der deutsche Publizist und Trendforscher Matthias Horx operiert, Anm. des Rezensenten) – ein Programm, das gegen das Zuviel an Reizen wappnen soll, aber zugleich gleichgültig mache gegenüber dem, was in der Welt passiert. Es sei fraglich, so Bude, ob die Achtsamen für die Solidarität zu gewinnen seien: „Im Zweifelsfall siegt der Seelenfrieden über die Herzensgüte“ (123). Der Autor hält es hier mehr mit dem barmherzigen Samariter aus der Bibel der Christen – ein Gleichnis für das handelnde Eingreifen, weil man mit Not konfrontiert ist.

Einer anderen Facette von Achtsamkeit widmet sich Bude in „Rinder, Blätter und die Erde“. Mit der US-amerikanischen feministischen Wissenschaftlerin, Naturwissenschaftshistorikerin und Biologin Donna J. Haraway verweist der Autor auf die Solidarität mit den Tieren, den „anders-als-menschlichen Wesen“ (125), mit dem italienischen Philosophen Emanuele Coccia auf das Eingebunden-Sein in die Natur und das „Werk der Pflanzen“ (129) als Urform der Solidarität (!): „Die Solidarität der Lebewesen ist eine des wechselseitigen Parasitentums, das wiederum das Leben selbst erhält“ (ebd.) Dies führt schließlich zur Metapher der „Erdgebundenheit“ des französischen Philosophen und Soziologen Bruno Latour: Die Erde sei – so Latour – kein Planet unter anderen, „sondern der vollkommen einzigartige Ort, wo wir Erdverbundene inmitten von Erdverbundenen leben und sterben“ (132).

Mit der Unterscheidung von „exklusiver“ und „inklusiver“ Solidarität nähert sich Bude am Ende des Buchs dem Zusammenhalt „in einer Welt der Ungleichheit“ (150). Dem Aufholen mancher Länder, das zu einer merklichen Abnahme der Zahl der Verarmten geführt habe, stehe die zunehmende Ungleichheit zwischen Weltregionen – aktueller Hot Spot der Verarmung ist das Afrika südlich der Sahara – bzw. die Zuspitzung von Arm und Reich auch innerhalb von Gesellschaften gegenüber. In der heutigen Weltgesellschaft entscheide mehr als die Klasse der Ort, an dem man geboren wird, über die Zukunftsperspektiven von Menschen. In dieser Situation müsse, so Bude, „die ganze Welt der Bezugskosmos von Lebenschancen“ sein – und nicht mehr ein „einzelnes Land mit seinem Klassengefüge“ (157). Wenn Menschen sich auf den Weg in die Wohlstandszonen machen, dann beweise dies, „dass sie den Anspruch auf ihren Anteil an der Zukunft der Menschheit wahrnehmen wollen“ (ebd.).

Bude hat mit „Solidarität“ ein sehr feinsinniges und vielschichtiges Buch vorgelegt. Die Ausführungen beklagen den Verlust von Zusammenhalt und Sinn für das Gemeinwesen im modernen Konsumkapitalismus, sie helfen aber auch zu erklären, warum Parteien, die auf Solidarität pochen, derzeit keine Mehrheiten erreichen. Der Anspruch, dass wir jenseits der Interessengegensätze innerhalb unserer Gesellschaften ein neues drittes „Wir“ finden müssen, ist daher hoch. Er verweist jedoch auf die zentralen Zukunftsherausforderungen, die in der Ökologie, der weltweiten Ungleichheit und den wohl weiter zunehmenden Migrationsbewegungen liegen. Solidarität beschwört eine Welt, die wir mit anderen Lebewesen teilen – sie kann nicht mehr an den Staatsgrenzen Halt machen. Darin liegt wohl die „Zukunft einer großen Idee“. Zu wünschen wären freilich auch Vorschläge gewesen, die eine neue Sensibilisierung und Politisierung für das Gemeinwesen fördern.