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Heft: "Offenes Heft" - Ausgewählte Rezension
Kapella, Olaf/ Rille-Pfeiffer, Christiane (HgInnen): Papa geht arbeiten. Vereinbarkeit aus Sicht von Männern (2011)
Budrich UniPress (Opladen/ Farmington Hills)Rezensiert von: Sigrid Kroismayr
Die intensive Familienphase, d. h. die ersten drei Lebensjahre des Kindes, sind in Österreich erst in jüngster Zeit Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung geworden. Zu nennen sind hier insbesondere die Forschungsaktivitäten des Österreichischen Instituts für Familienforschung, das sich diesem Thema – z. B. im Zuge der Evaluierung des 2002 neu eingeführten Kinderbetreuungsgeldes, das Frauen sowohl Zuverdienstmöglichkeiten als auch Unterbrechungszeiten von bis zu zweieinhalb Jahre eröffnet – zugewendet hat. 2/2012:
Auf die Forschungsaktivitäten dieses Instituts geht auch die vorliegende Publikation zurück. Bei den HerausgeberInnen handelt es sich um MitarbeiterInnen dieser universitätsnahen Einrichtung, in deren Schriftenreihe der Band auch veröffentlicht wurde. Das Besondere dieser Neuerscheinung ist, dass man sich der Vereinbarkeitsproblematik nicht aus Sicht der Frauen zuwendet, wie dies meist üblich ist, sondern diese aus dem Blickwinkel der Männer betrachtet. Wie ist man dabei vorgegangen? Welche Inhalte weist der Band auf?
Am Beginn werden Befunde aus der bisherigen Väterforschung referiert, mittels der man einen ausführlichen Literaturüberblick erhält. Der Fokus der Darstellung bezieht sich sowohl auf die Einstellungen als auch auf die tatsächliche Praxis von Männern bzw. Vätern. Hier wird zwar ein »essenzieller Wandel« in der Definition der Vaterrolle festgestellt, der jedoch nicht im gleichen Maße von der realen Umsetzung einer aktiven präsenten Vaterschaft begleitet wird (35). 2/2012:
Verantwortlich dafür sei, so wird argumentiert, dass Vaterschaftskonzeptionen vielfältig und variabel seien, es keine sozial anerkannten Formen von Vaterschaft und Männlichkeit gebe, Beruf eine wichtige Identitätssäule für Männer, das Übernehmen von »fürsorglichen Aufgaben« optional sei. An diesen Argumenten fällt auf, dass sie primär aus einer werte- und leitbildorientierten Sichtweise verfasst sind. In den Blick genommen werden jedoch nicht die Zwänge, denen Männer bzw. Väter z. B. in ihrem konkreten beruflichen Umfeld, oder auch aufgrund der Erwartungen der Frauen und Mütter selbst, unterworfen sind. 2/2012:
Im zweiten Beitrag wird Vaterschaft sowohl in historischer Perspektive betrachtet, wobei der Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart gespannt wird, als auch mit Hilfe theoretischer Ansätze versucht, Vaterschaft zu fassen. Bezug genommen wird auf sozialisationstheoretische Zugangsweisen, auf die »Theorie eines Subjektiven Vaterschaftskonzeptes« sowie auf den »Übergang zur Vaterschaft und seinen Nachwehen« (47). 2/2012:
Davon abgesehen, dass die Befunde sich teilweise mit dem ersten Beitrag decken, wirken die verschiedenen Sichtweisen auf Vaterschaft etwas willkürlich gewählt und zusammengewürfelt. Ein roter Faden und worauf die Darstellung hinaus will ist nicht zu erkennen. Der Artikel lässt sich eher als Informationsangebot an die LeserInnen deuten. 2/2012:
Nach diesen zwei Beiträgen, die als »Hintergrunddiskussionen« präsentiert werden, folgt das Herzstück des Bandes: »Empirische Befunde«, denen insgesamt vier Beiträge gewidmet sind. Hier wird die empirische Untersuchung vorgestellt, die man unter Männern mit einem unter dreijährigem Kind durchgeführt hat. Es handelt sich hier um eine Online-Befragung, an der über 500 Väter teilgenommen haben. Indem der Datensatz fast doppelt so viele Männer mit Matura und Hochschulabschluss aufweist wie die Referenzstichprobe des Generations und Gender Surveys, die als repräsentativ gilt, musste der Datensatz gewichtet werden. 2/2012:
Zunächst erfolgt eine deskriptive Beschreibung der Stichprobe: Alter, Bildung, Familienformen, Anzahl leiblicher Kinder und Stiefkinder, Reaktionen der Männer auf die Schwangerschaft, Vorbereitungsaktivitäten der Männer auf die Geburt, Dabeisein bei der Entbindung des Kindes, Erwerbsverhalten der Männer, Inanspruchnahme von Karenz, Zufriedenheit mit der Erwerbssituation, Verbesserungspotenzial hinsichtlich der Vereinbarkeit, Arbeitsteilung mit der Partnerin, Kinderbetreuung, Einstellung zu Vaterschaft und Vereinbarkeit etc. Jedem dieser Kapitel, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass das vorhandene Datenmaterial grafisch aufbereitet wurde, folgt eine kurze Zusammenfassung am jeweiligen Ende des Kapitels. Die wesentlichen Ergebnisse werden dann nochmals in einem anschließenden Beitrag zusammengefasst, allerdings ohne weitergehende Reflexionen. 2/2012:
Über die unmittelbaren quantitativen Ergebnisse hinaus wird im darauf folgenden Beitrag eine Typologisierung der Väter vorgenommen: Es werden drei »Vätertypen« unterschieden: der »klassische« Typ, der zu keiner Zeit an seinem Erwerbsverhalten etwas ändert (36,3 Prozent), der »zögerliche« Typ, der nur kurzfristig, nämlich rund um die Geburt des Kindes, eine Veränderung vorgenommen hat (42,9 Prozent) und der »mutige« Typ, der anlässlich der Geburt des jüngsten Kindes sein Erwerbsverhalten längerfristig umstellt (20,7 Prozent). Für die Bildung der Typologie wird also primär das Erwerbsverhalten herangezogen, auch wenn in einem weiteren Schritt eine zusätzliche Präzisierung dieser »Vätertypen« erfolgt: Dafür werden weitere Dimensionen berücksichtigt, wie Zufriedenheit mit der Erwerbssituation, Engagement in der Kinderbetreuung (gemessen mit den Indikatoren »Pflegen der Kinder, wenn sie krank sind« und »Herrichten der Mahlzeiten«) und das individuelle Belastungsempfinden (gemessen mit den Indikatoren »Finanzielle Verantwortung für die Familie« und »Vereinbarkeit von Beruf und Familie«). Weiters werden auch Bildungsniveau, Erstelternschaft und Art der Erwerbstätigkeit (unselbständig versus selbständig) für die Beschreibung der »Vätertypen« herangezogen. 2/2012:
Insgesamt ist jedoch diese Darstellung höchst unübersichtlich, da die grafische Darstellung der Vätertypen nicht mit der tabellarischen Darstellung übereinstimmt. Während die »Mutigen« in der grafischen Darstellung »höchste Balken« erzielen (Ausnahme die Belastungsdimension: Hier sind sie unterdurchschnittlich »belastet«), weisen die Prozentwerte der Tabelle keine derartigen Ausprägungen auf. Überhaupt fehlt es der Ergebnisdarstellung an inhaltlicher Interpretation. Die AutorInnen bleiben lediglich auf einer beschreibenden Ebene. 2/2012:
Der letzte Beitrag, der zunächst eine lebendige Darstellung verspricht, da hier den Vaterbildern und der Vateridentität anhand von drei Fallbeispielen nachgegangen wird, ist jedoch in einem derartigen SoziologInnenjargon verfasst, dass die Freude an der Lektüre bald nachlässt. 2/2012:
Irgendwo sollte es doch, so würde man meinen, einen Weg der soziologischen Darstellung geben, der weder durch seitenlange Angaben über Prozentverteilungen ermüdet, noch den Gegenstand der Untersuchung sprachlich völlig entstellt. Kurzum: Dieses Buch ist wohl nur jenen zu empfehlen, die sich in Österreich mit Väterforschung beschäftigen. 2/2012:
Und zum Schluss wäre auch noch die Frage aufzuwerfen, ob nicht das Vereinbarkeitsverhalten nur dann sinnvoll erklärt werden kann, wenn man den jeweils anderen Elternteil – in diesem Fall die Mütter und ihre Situation – einbezieht. Meine eigene Forschungserfahrung zu diesem Thema hat mir jedenfalls diese Notwendigkeit aufgezeigt.
