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Heft: »Offenes Heft« - Ausgewählte Rezension
Adam, Christian u. a. (Hg.): Die bedingte Universität – Die Institution der Wissenschaft zwischen »Sachzwang« und »Bildungsauftrag« (Lukas Mitterauer) (2010)
Stuttgart. Schmetterling VerlagRezensiert von: Lukas Mitterauer
Im Zuge der massiven Umstrukturierungen der Hochschulsysteme in vielen europäischen Ländern sind die Universitäten mit der Frage konfrontiert, ihre Rolle und Funktion als gesellschaftliche Institution und die dafür verantwortlichen Voraussetzungen auf grundlegende Weise zu überdenken.
Das Buch verdankt seine Existenz aber nicht dem kontemplativen Erkenntnisinteresse, sondern ist Produkt eines Konflikts an der Philipps-Universität Marburg, wo Angehörige des Mittelbaus im Wintersemester 2006/ 07 ihre nicht remunerierte (unbezahlte) Lehre einstellten. Im Folgesemester wurde eine Ringvorlesung gehalten, die eben die Wissenschaft und die Universität unter den sich ändernden Rahmenbedingungen (z. B. Unterfinanzierung der Universitäten bei steigenden Studierendenzahlen, Umsetzung des Bologna-Prozesses, steigende Bedeutung der Drittmittelfinanzierung) zum Inhalt hatte. Aus dieser Ringvorlesung ist das vorliegende Buch hervorgegangen, das das System Universität auf unterschiedlichste Art und Weise beleuchtet. Herausgegeben wurde es von vier wissenschaftlichen Mitarbeitern bzw. Lehrbeauftragten des Instituts für Philosophie der Philipps-Universität Marburg.
Die Herausgeber entfalten gleich im Einleitungsbeitrag den Spannungsbogen zwischen dem klassischen Bildungsauftrag, der an das Selbstverständnis des Bildungsbürgertums aufgeklärter Prägung anknüpft, und dem Bologna-Prozess (Schaffung eines dreigliedrigen Studien¬systems, Einführung eines Leistungspunktesystems, Förderung der Mobilität, Förderung eines europäischen Hochschulraums), der die Studierenden in Kundenstellung gegenüber konsumier¬baren Studienangeboten bringt. Der Begriff »bedingte Universität« wird als Andeutung auf die »unbedingte Universität« (Jacques Derrida) verstanden – eine Universität, die auf dem Prinzip der Freiheit der Forschung und ihrer Lehre beruht, also auf der fehlenden Einflussnahme von außen auf den Wissensschaffungsprozess. Die unbedingte Universität werde nun zunehmend marktorientierten Reformen unterworfen, durch die Wissen fälschlicherweise zum primär handel-baren Produkt degradiert wird.
Die insgesamt zehn versammelten Beiträge spiegeln die Pluralität möglicher Zugangsweisen an das Thema wider: von grundsätzlichen Beiträgen zur Kommerzialisierung von Forschung oder der Interpretation, dass mit dem Bologna-Prozess der Taylorismus (Identifizierung und Standardisierung von Teiltätigkeiten) in den Hochschulen einsetzt, über Fragen der Qualitätssicherung und der Messbarkeit wissenschaftlicher Leistungen, bis hin zur Darstellung der Auswirkungen der aktuellen Reformen auf einzelne Wissenschaftszweige. So breit die thematische Vielfalt der Zugänge, so unterschiedlich ist auch die Qualität der einzelnen Artikel – von der losen Aneinanderreihung wenig begründeter Gedanken über die solide Darstellung des state of the art bis hin zu höchst innovativen Analysen. Besonders hervorzuheben sind zwei Beiträge.
Michael Hartmann zeigt anhand der »Exzellenzinitiative« in Deutschland, wohin die Reise der derzeitigen Hochschulpolitik geht, nämlich in eine Mehrklassengesellschaft der Hochschulen, die sich über das Geld und nicht über Leistung definieren. Die Hochschullandschaft soll umgebaut werden in einen kleinen Kreis von forschungsorientierten Eliteuniversitäten und in eine breite Masse von lehrorientierten Universitäten, die eigentlich nur noch Fachhochschulen sind und die Studierenden gezielt auf den Arbeitsmarkt vorbereiten sollen. Das, was früher unter der Einheit von Forschung und Lehre verstanden wurde, und was bisher unabdingbar für jedes akademische Selbstverständnis sowie jede akademische Ausbildung war, geht durch diese Entwicklung völlig verloren. Dieser Artikel sollte wegen der Exzellenz der Analyse Pflichtlektüre aller Wissenschaftsverantwortlichen sein (Ministerium, Universitätsleitungen).
Matthias Schroeter zeichnet die Entwicklung der Neurowissenschaften bis zu ihrem jetzigen Boom mit Neuschöpfungen wie Neurotheologie, Neuroökonomie oder Neuroethik nach. Obwohl der Beitrag kein unmittelbar universitätspolitisches Thema behandelt, zeigt er sehr gut, was »Modeerscheinungen« in den Wissenschaften auslösen und mit welcher Selbstgefälligkeit eine Generalkompetenz für nahezu jedes thematische Feld abgeleitet wird. Die modernen Neurowissenschaften liefern mit ihren bildgebenden Verfahren nicht nur eine Vielzahl höchst bunter Images, sondern auch das Versprechen, eine Antwort auf die drängendsten Fragen wie beispielsweise die nach dem freien Willen geben zu können. Schroeter diskutiert, welche Aussagen eine Wissenschaft treffen kann, die vornehmlich beobachtet, was mit der Wahrnehmung, dem Empfinden und dem Denken passiert, wenn man Teile des Gehirns ausschaltet (z. B. durch Operationen). Er geht grundsätzlich der Frage nach, auf welchem wissenschaftlichen Erkennen die Neurowissenschaften aufbauen. Schroeter kommt zum Schluss, dass bestimmte Fragen – wie die nach dem freien Willen – per definitionem nicht durch die eingesetzten Methoden und Verfahren beantwortet werden können und daher solche Behauptungen nur als Hybris zu bezeichnen sind.
Insgesamt gibt der Sammelband einen guten und vielschichtigen Überblick zu den aktuellen Debatten zur Hochschulreform in Deutschland, wenngleich die Stärke der Beiträge mehr in der Analyse und Kritik der laufenden Transformation liegt als in der Entwicklung von alternativen Szenarien. So gewinnt man bei der Lektüre ein wenig den Eindruck, als ob vor dem Einsetzen des Bologna-Prozesses nach Ansicht einiger Autoren alles in Ordnung gewesen wäre, was mitnichten der Fall gewesen ist. Auch werden Entwicklungen dem Bologna-Prozess zugeschrieben, für die er keinesfalls verantwortlich gemacht werden kann (etwa dass eine Orientierung am Arbeitsaufwand der Studierenden (ECTS-Punkte) an Stelle der bisher üblichen Lehrveranstaltungsstunden zu einer »Verschulung« führt). Aber vielleicht sind dies Fragestellungen, die in einem Folgeband behandelt werden. Der Sammelband stellt jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre für einen breiten, bildungspolitisch interessierten LeserInnenkreis dar.
