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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: OFFENES HEFT - Ausgewählte Rezension

Sylka, Scholz/ Heilmann, Andreas (HgInnen) :  Caring Masculinities? Männlichkeiten in der Transformation kapitalistischer Wachstumsgesellschaften (2019)
München: oekom Verlag.

Rezensiert von: Erich Lehner

„Moderne kapitalistische Gesellschaften sind dynamische Wachstumsgesellschaften“ (14), die eng mit einer bestimmten Subjektivierungsweise, dem „Berufsmenschen“, der männlich ist, ver-bunden sind. Die vorliegende Publikation widmet sich vor diesen Grundannahmen folgender zentralen Frage: „Inwiefern können Caring Masculinities die gesellschaftliche Transformation von krisenhaften Gesellschaften im Postwachstumskapitalismus hin zu demokratischen Post-wachstumsgesellschaften befördern?“ (14). Anlassgebend war ein Hearing zum Thema „Männ-liche Transformation kapitalistischer Wachstumsgesellschaften“, das im Jänner 2018 im Kon-text der Kollegforscher*innengruppe der Deutschen Forschungsgesellschaft „Landnahme, Akti-vierung, Dynamik und (De-) Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften“ stattfand. Her-ausgegeben wird der vorliegende Band von Sylka Scholz, Soziologin an der Universität Jena, und von Andreas Heilmann, sozialwissenschaftlicher Berater und Coach in Berlin.

Im Einleitungskapitel stellen Andreas Heilmann, Aaron Korn und Sylka Scholz Inhalt sowie Ziel des Buches vor und skizzieren die Geschichte des Begriffs „Caring Masculinities“. Zunächst beschreibt Sylka Scholz Caring Masculinities als eine romantische Sehnsuchtskategorie. Sie setzt die Sehnsucht vieler Männer, sich verstärkt am Familienleben zu beteiligen, in Beziehung zum romantischen Denken, das geprägt war von vielen „holistischen Tendenzen und selbstrefle-xive[m] Wissen um den eigenen prekären Status“ (24). Caring Masculinities eröffnet demnach einen „Reflexionsraum für Transformation der Fürsorgebeziehung und einen Wandel der Männ-lichkeitsvorstellung“ (24). Andreas Heilmann wiederum kontextualisiert sie mit den Überlegun-gen Ernst Blochs zur konkreten Utopie als einem „gedanklich vorweggenommenen Wunschzu-stand einer real erreichbaren Gesellschaftsveränderung“ (25). Schließlich verbindet Aaron Korn Caring Masculinities mit der Idee von „Grenzfiguren“, indem die Grenzerfahrung männlicher Subjekte, die Care zum zentralen Bestandteil ihrer alltäglichen Praxis machen, zum Gegenstand der Analyse wird.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil „Subjektperspektive: Warum Männlichkeit im Kapitalismus mehr mit Wachstum als mit Fürsorglichkeit (Care) verbunden ist?“ nähert sich dem Thema aus einer historischen Perspektive. Sylka Scholz rekonstruiert am Beispiel des Ban-kiers Jakob Fugger (1459–1525), wie „[d]urch die Verschmelzung von neuen, kapitalistisch-kolonialen und bestehenden, patriarchalen Machtstrukturen (…) sich ein weißes, christliches, städtebürgerliches männliches Subjekt“ (57–58) konstituiert. Sie zeigt, dass Männlichkeit bereits hier mit Fürsorge verbunden war, allerdings der Ökonomie untergeordnet und mit instrumentel-lem Charakter. Andrea Maihofer zeichnet die Entstehung einer bürgerlich-patriarchalen Männ-lichkeit parallel zur Etablierung einer kapitalistischen Gesellschaft Ende des 18./ Anfang des 19. Jahrhunderts nach und entdeckt eine Gleichzeitigkeit von Wandel und Persistenz dieser Männ-lichkeit bis in die Gegenwart. Klaus Dörre erläutert seine These, dass hegemoniale Männlichkei-ten „sinnstiftende ideologische Konstrukte“ sind, „die hierarchische Austauschbeziehungen zwi-schen (…) der Produktion von Gütern und Dienstleistungen und der Produktion des Lebens“ herstellen. Dabei legitimieren sie „die Unterordnung der (…) Lebensproduktion unter die An-forderungen einer durchkapitalisierten, wachstums- und gewinnorientierten Produktionsweise“ (79).

Im zweiten Teil „Zeitdiagnosen: Was die Wachstumskrise im Kapitalismus mit Männlichkeit macht“ wird der Strukturwandel hegemonialer Männlichkeit diskutiert. Diana Lengersdorfer und Michael Meuser zeigen Elemente von Caring Masculinities mit transformatorischem Potenzial anhand empirischen Materials aus einem aktuellen Forschungsprojekt auf. Julia Gruhlich unter-sucht das Transformationspotenzial von Care bei den „Schlachtenbummlern hegemonialer Männlichkeit“ (Connell, Robert W. (1999) Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise der Männlichkeiten. Opladen, 100), also bei jenen Männern, die sich trotz ihrer privilegierten Posi-tion freiwillig dazu entschieden haben, beruflich kürzer zu treten. Als Motive dafür macht sie den Wunsch nach mehr Väterlichkeit, nach mehr Selbstsorge, oder nach mehr Sinnstiftung aus-findig. Die Grenze des Transformationspotenzials liegt nach der Autorin im weitgehend indivi-duellen bzw. privaten Charakter dieser Entscheidungen, strukturelle Zusammenhänge werden nicht thematisiert. Anna Luleva fokussiert Caring Masculinities in der bulgarischen postsozialis-tischen Gesellschaft. Dabei stellt sie zwei widersprüchliche Tendenzen fest: Zunächst „eine Ver-stärkung der patriarchalen Ordnung aufgrund von Krisen und wachsender sozialer Unsicherheit“ (131). Dem gegenüber entstehen in der Mittelschicht einer gut ausgebildeten jungen Generation partnerschaftliche Beziehungen, in denen sogenannte „neue Väter“ sich an Caring Masculinities orientieren.

Der dritte Teil wendet sich den strategischen Überlegungen zu: „Männlichkeitspolitiken: Wie die Krisen des Neoliberalismus politisch bearbeitet werden.“ Stephan Höyng kritisiert an der politischen Umsetzung von Caring Masculinities, dass dieses Konzept zunehmend für eine neo-liberale (Familien-) Politik funktionalisiert und auf das Privatleben reduziert wurde. Die Arbeit-geber wurden aus ihrer Pflicht entlassen, „Care in den Arbeitsalltag zu integrieren“ (141). Damit wurde auch unterlassen, die notwendigen Rahmenbedingungen und Strukturen in der Berufswelt herzustellen. Sebastian Scheele plädiert für eine strukturfokussierte Politik, die transformativer ist als eine identitätsfokussierte. Statt Maßnahmen zu Caring Masculinities den bestehenden Maßnahmen anzufügen, sollte man eher „Maßnahmen und Politikfelder daraufhin beleuchten, inwiefern sie den Weg zu einer Transformation von Geschlechterverhältnissen (auch) im Sinne von Caring Masculinities eröffnen, erleichtern, voranbringen oder eben blockieren“ (151). Mara Kastein untersucht elf verschiedene männerpolitische Organisationen der Schweiz, Deutschlands und Österreichs mit einer wissenssoziologischen Diskursanalyse und stellt dabei Ähnlichkeiten zu Inhalten der Postwachstumsbewegung fest. Davon ausgehend skizziert sie gleichstellungsori-entierte Männerpolitik als Politik der Deprivilegierung. Dennis Eversberg und Matthias Schmel-zer zeigen in ihrem Beitrag auf, dass Teile der Postwachstumsdiskussion auch nützliche Per-spektiven für eine kritische Transformation von Geschlechterverhältnissen und Männlichkeiten enthalten können.

Schließlich widmet sich der vierte Teil der „Konzeptentwicklung: Caring Masculinities als Transformationsweg? – Was fürsorgliche Männlichkeiten bedeuten können.“ Andreas Heilmann stellt das Einlernen von Fürsorglichkeit im Feld des Naturschutzes und im Bereich der Care-Arbeit dar. Am Beispiel dieser Felder zeigt er auf, wie Transformationen von Männlichkeit statt-finden könnten, wobei Caring Masculinities als sensibilisierendes Konzept dienen kann. Karla Elliott argumentiert, dass nur „die Zurückweisung von Dominanz und die Verinnerlichung von Care“ (202) die Sorge von Männern als Caring Masculinities erfassen kann, ohne damit zugleich Ungleichheitsverhältnisse festzuschreiben. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive wendet sich Toni Tholen männlicher Care-Arbeit zu und kritisiert, dass allein die Verankerung von Männern in Care-Tätigkeiten nicht zu einer „nicht dominanten alternativen Männlichkeit“ (216) führt. Er verdeutlicht an vier Dimensionen, wie dieses komplexe Verhältnis von Männlichkeit und Care dennoch transformatorisches Potenzial entwickeln könnte. Ähnlich betont Stefanie Graefe in ihrem Beitrag, dass Fürsorge allein Männlichkeit nicht transformiert, wenn nicht gleichzeitig gesellschaftliche Strukturen hinterfragt werden. Ein Gespräch, das Andreas Heil-mann und Sylka Scholz mit Toni Tholen und Hartmut Rosa führt, rundet die Beiträge dieses Buches ab.

Resümierend lässt sich festhalten, dass dieser Sammelband die Diskussion um Caring Masculi-nities differenziert zusammenträgt und sie gleichzeitig entscheidend weiterführt. Die gehaltvol-len Beiträge des Bandes ermöglichen wertvolle Einsichten in die konstruktiven Möglichkeiten, aber auch in die Grenzen dieses Konzepts. Neben wichtigen Impulsen zur Weiterentwicklung der Theoriebildung zu Caring Masculinities bietet dieses Buch wertvolle Anregungen für die politische Umsetzung. Das Buch ist in einer gut lesbaren Sprache verfasst und wendet sich so-wohl an LeserInnen, die in der Geschlechterforschung tätig sind, als auch an AkteurInnen der Geschlechterpolitik.