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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: OFFENES HEFT - Ausgewählte Rezension

Adloff, Frank :  Politik der Gabe. Für ein anderes Zusammenleben (2018)
Hamburg: Edition Nautilus

Rezensiert von: Sigrid Kroismayr

Nachdem Frank Adloff, Professor für Soziologie im Fachbereich Sozioökonomie der Universität Hamburg, 2016 das Buch „Gifts of Cooperation, Mauss and Pragmatism“ im Routledge Verlag publiziert hat, legt er zwei Jahre danach eine Vertiefung seines Nachdenkens über die Bedeutung des Gabentheorems für das gesellschaftliche Zusammenleben vor. Und das Spektrum an theoretischen Zugängen, Themen und Fragestellungen, die er im Rahmen seiner Auseinandersetzung aufgreift, ist durchaus beeindruckend. Bemerkenswert ist auch, wie geübt er darin zu sein scheint, komplexe Sachverhalte gut verständlich darzustellen und den Leser und die Leserin an die Hand zu nehmen vermag, um sich mit ihm auf eine gedankliche Reise zu begeben.

Bei seinen Ausführungen geht es Adloff dabei vor allem um eines: um eine andere Form des Zusammenlebens, wie auch der Untertitel des Buches klar macht. Der zentrale Begriff in diesem Zusammenhang ist „Konvivialität“ (lat. convivere: zusammenleben): Dieser hat bereits in den Arbeiten des österreichisch-amerikanischen Autors, Philosophen und Theologen Ivan Illich (1926–2002) eine Rolle gespielt, der eine Gesellschaft dann als konvivial betrachtet hat, wenn sie der von ihr hervorgebrachten Technik Grenzen setzt. Eine Gruppe von vornehmlich französischen WissenschafterInnen hat diesen Begriff nun wieder aufgegriffen und dabei zwei Diskussionsstränge zusammengeführt: das anti-utilitaristische Denken des französischen Soziologen Alain Caillé, der sich auf das Konzept der Gabe des französischen Anthropologen Marcel Mauss (1872–1950) stützt, sowie die Wachstums- und Ökonomiekritik der französischen Philosophen Patrick Viveret und Serge Latouche. Auch die Ökonomie braucht eine Begrenzung, die neue Formen des Wirtschaftens erfordert, und damit auch neue Formen des Zusammenlebens, in der die Gabe sichtbar werden kann.

Adloff geht mit Mauss davon aus, dass menschliches Zusammenleben auf der Praxis der Gabe beruht, und zwar nicht nur in vormodernen, sondern auch in modernen Gesellschaften. Durch den aufziehenden Kapitalismus sowie die Bürokratie waren im 19. Jahrhundert die Gabenbeziehungen aus dem Blick geraten, um deren Re-Etablierung sich Mauss bemühte. Die Gabe ist immer in konkrete wechselseitige Bezüge eingebettet, die auf der Freiheit und Verpflichtung des Gebens, Nehmens und Zurückgebens beruht (53). Allerdings ist die Erwiderung weder obligatorisch noch lässt sie sich einklagen (60). In der Gabe kommt daher ein Vorschuss des Gebenden zum Ausdruck, der konstitutiv für Sozialität ist und der sich zum Beispiel im Vertrauen zeigt. In der Gabe steckt „ein Überschuss an Spontanität, Freiheit und Zugewandtheit“ (25).

Wie baut nun Adloff seine Argumentation auf? Zunächst geht er auf Tausch, Utilitarismus und Altruismus ein und setzt sich in diesem Zusammenhang mit unterschiedlichen soziologischen Theoretikern und deren Verständnis auseinander (Kap. 2). Danach stellt er das Gabenkonzept von Mauss vor und diskutiert seine Weiterentwicklung durch zeitgenössische Wissenschafter wie Alain Caillé oder den US-amerikanischen Anthropologen David Graeber (Kap. 3). Anschließend folgt eine ausführliche Auseinandersetzung mit der frühkindlichen Entwicklung, in der er den Nachweis antritt, dass der Mensch zugleich eine natürliche und kulturell bedingte Tendenz zum Geben und Teilen hat. Denn „die Evolution (hat) beim Menschen zu einer starken Empfänglichkeit für die interaktiven Signale von anderen Menschen geführt“ (84) und Menschen neigen zur Synchronisierung ihres Verhaltens sowie zu Gemeinschaftsgefühlen. In diesem vierten Kapitel setzt sich Adloff auch mit den US-amerikanischen Philosophen und Pragmatisten William James und John Dewey auseinander. Vor allem letzterer dient dem Autor immer wieder als Referenz, da er in der Neigung zum Geben eine Kooperationswilligkeit sieht, die er mit Dewey als „demokratische Tendenz zur kooperativen Problemlösung normativ“ auszeichnet (102).

Auf Basis der Erkenntnis, dass aufgrund der Entwicklung des Menschen seine Handlungsweisen eine Neigung zur Kooperation zeigen, da es sonst schlicht keine Sozialität gäbe, widmet sich Adloff nun konkreten Ausprägungen der Gaben. Dabei unterscheidet er zwischen alltäglichen (Höflichkeiten, Anlächeln) und außeralltäglichen Gaben (Konflikte, Interkulturalität). Hier geht es um Gaben, die Bindungen und Verpflichtungen herstellen, die nicht einfach vorausgesetzt werden können (Kap. 6). Anschließend wendet sich Adloff den zwei großen Wirtschaftssystemen des 20. Jahrhunderts zu, dem Sozialismus und dem Kapitalismus, um im nächsten Kapitel genauer auf Waren und Geld, Werte und Gaben einzugehen. Interessant ist die Argumentation, wie das Funktionieren des Geldes auf die Gabe angewiesen ist, weil der Wert einer Währung auf dem Vertrauen beruht, das Personen der Währung schenken (198) (Kap. 7).

Anschließend befasst sich Adloff mit Wissenschaft und Technik, zwei wichtigen Antreibern des Kapitalismus, und weist darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur europäischen Ursprungs ist und in anderen Kulturen nicht getroffen wird. Wissenschaftliche Methoden haben die holistische Erfahrung von Natur ausgeklammert. Hier greift er die Forderung von Illich nach einer Selbstbegrenzung technischer Möglichkeiten auf, wohlwissend, dass diese kapitalistischen Interessen zuwiderläuft. In Kapitel 9 geht der Autor noch weiter, indem er dafür plädiert, der Natur als nicht menschlichem Wesen Handlungs- und Ausdrucksstatus zuzugestehen, wie das schon in der Akteurs-Netzwerk-Theorie erfolgt,. Schließlich verortet Adloff auch die Kunst gabentheoretisch, indem er in ihr „Momente des Überschusses, der Kreativität und Unbedingtheit“ (257) sieht, die konstitutiv für soziale Ordnungen sind.

Im Schlusskapitel plädiert Adloff für eine Politik des Pluriversalismus, um neue Zugänge des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu etablieren. In diesem Zusammenhang geht er auf das „mittelmeerische Denken“ ein, das in einer Kultur der Einfachheit, des Maßes und der regionalen Verbundenheit bestehe. An außereuropäischen Zugängen nennt er das aus Lateinamerika stammende buen vivir, das aus Indien kommende Ecoswaraj sowie das in Süd- und Ostafrika verbreitete Ubuntu. Leider werden die außereuropäischen Formen des menschlichen Miteinanders nicht näher beschrieben. Natürlich bedeuten all diese Lebensweisen eine Abwendung vom herkömmlichen Entwicklungsverständnis, wie sie die europäischen Zugänge zu Afrika, Asien und Lateinamerika bestimmen und wie sie auch in den Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen zum Ausdruck kommen. Auf dieses offizielle Programm, das bis 2030 unter Beibehaltung des Dogmas des Wirtschaftswachstums Entwicklungsziele für alle Länder definiert, geht Adloff aber nicht ein.

Das Buch ist vom Gedanken getragen, Wege aus dieser Sackgasse aufzuzeigen. Es tut dies auf lehrreiche Weise, indem der Autor viele interessante DenkerInnen vorstellt, diese zueinander in Beziehung setzt, sie einordnet und auch seine Position zu ihnen offenlegt. Aufgrund der Breite und der Verständlichkeit kann das Buch LeserInnen aus allen Disziplinen der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften empfohlen werden, wobei man jedoch eine Liebe für theoretische Zugänge mitbringen sollte.