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Aktuelles Heft: OFFENES HEFT - Editorial

Nr. 1/ 2020 ist ein „offenes Heft“ mit Beiträgen zu unterschiedlichen Themen.

Gunther Tichy diskutiert in seinem Artikel „Der Mittelstand unter Druck?“ eine OECD-Studie aus dem Jahr 2019, die aufgrund einer Analyse der Einkommensschichtung den Mittelstand gefährdet und schrumpfen sieht. Der Autor verbindet die Darstellung der Diskussion der Befunde mit einer Kritik an Konzeption, Methodik und – basierend auf österreichischen Daten – Ergebnissen der OECD-Untersuchung. Tichy resümiert, dass Mittelstand und Mittelstandspolitik unklare, aber politisch relevante Kategorien und Konzepte sind, und formuliert in diesem Zusammenhang Anregungen für eine differenzierte Diskussion.

Lisa Schwaiger befasst sich mit Selbstoptimierung zwischen Lifestyle und Kontrolle, indem sie Motive und Grenzen der digitalen Optimierung des Lebens junger Männer zwischen 20 bis 39 Jahren in Österreich untersucht. Nach Erörterung des theoretischen Hintergrunds und des Forschungsstands präsentiert sie Ergebnisse einer empirischen Erhebung in Form qualitativer narrativer Interviews, die sie im Zuge ihrer Masterarbeit durchgeführt hat. Schwaiger arbeitet zwei Falltypen von Befragten heraus: Typ 1 zeigt eine starke Abgrenzung zur Digitalisierung von Lebensbereichen mittels Aufzeichnungen zur Leistungsoptimierung in Form digitaler Apps, Typ 2 zeichnet sich hingegen durch Affinität gegenüber derartiger digitaler Optimierung aus: Beide Falltypen lehnen Datenspeicherung und damit verbundene soziale Kontrolle ab, wenngleich Falltyp 2 diese mit persönlichen Kosten-Nutzen-Aspekten relativiert.

Liriam Sponholz beschäftigt sich mit dem Begriff „Hate Speech“ in der deutschsprachigen Forschung. Die Autorin erörtert zunächst verschiedene theoretische Ansätze zur Erfassung von Begriffen sowie unterschiedliche Methoden der Begriffsanalyse. Danach erläutert sie den Entstehungskontext von Hate Speech in der US-amerikanischen critical race theory und stellt ihre vom Ansatz Giovanni Sartoris zur Begriffsanalyse angeleitete eigene empirische Untersuchung vor – eine Inhaltsanalyse deutschsprachiger wissenschaftlicher Literatur von 1994 bis 2018. Sponholz zeigt dabei auf, wie der Begriff „Hate Speech“ in diesen Texten mit unterschiedlichen zugeschriebenen Wesensmerkmalen und verschiedenem Verwendungskontext mehrdeutig gebraucht wird. Die Autorin argumentiert, dass der (sozial-) wissenschaftliche Umgang mit Hate Speech einen interdisziplinären Zugang und eine einheitliche Begriffsverwendung erfordert.

Die Analyse und Erklärung antimuslimischer Ressentiments in Österreich ist Thema des Beitrags von Wolfgang Aschauer. Nach theoretischen und methodologischen Ausführungen zur Schwierigkeit, die Einstellung gegenüber MuslimInnen zu messen, berichtet der Autor Ergebnisse einer repräsentativen Befragung (n = 1.200), die im Kontext des Social Survey Österreich 2018 durchgeführt wurde. Aschauer untersucht, wie religiöse Einstellungen und Praktiken in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlicher Ausprägung islamkritische Einstellungen beeinflussen und erklären können. Ein grafisches Strukturgleichungsmodell mit Pfadanalysen veranschaulicht in vereinfachter Form die wesentlichen Einflussgrößen auf antimuslimische Ressentiments. Der Autor kommt zum Schluss, dass Ressentiments und Islamkritik mehrheitlich geteilt werden – sowohl von säkular orientierten als auch von religiösen ÖsterreicherInnen. Nach Ansicht Aschauers resultieren daraus gesellschaftliche Herausforderungen, die weniger das interreligiöse Miteinander, sondern stärker kulturelle Fragen der Anerkennung, Identität und Zugehörigkeit betreffen.

Melanie Schaur und Angela Wegscheider setzen sich Wohnen und Selbstbestimmt Leben für Menschen mit Behinderungen in Österreich auseinander, und zwar vor dem Hintergrund der auch von Österreich ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention, die Selbstbestimmung und Teilhabe an der Gesellschaft als Ziele und Forderungen formuliert. Die Autorinnen untersuchen in einem fünf Bundesländer umfassenden Vergleich, der auf der Masterarbeit von Schaur beruht, in Form einer Dokumenten- und Sekundärdatenanalyse unterschiedliche Wohnangebote und damit verbundene Leistungen (stationäre, mobile, assistierende und monetäre), wobei Maßnahmen zur De-Institutionalisierung (Verringerung stationärer Wohnformen, gemeindenahe Angebotsvielfalt) besondere Beachtung gilt. Schaur und Wegscheider resümieren, dass die Maßnahmen und Leistungen der fünf Bundesländer nur tendenziell den Zielen und Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention entsprechen und eine De-Institutionalisierung nur langsam und schleppend verläuft.

Heinz Kienzl, Gründer und Obmann der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft (SWS) sowie Initiator der von der SWS seit ihrer Gründung 1961 herausgegebenen Zeitschriften, im Zeitraum 1987 bis 2017 die SWS-Rundschau, ist im Jänner 2020 im 98. Lebensjahr verstorben. Aus diesem Anlass erscheint im Anschluss an das Editorial ein Nachruf.