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Aktuelles Heft: »Solidarität« - Editorial

Heft 4/ 2019 befasst sich mit „Solidarität“. Die sechs Artikel sowie die zwei Rezensionen zum Schwerpunkt bieten unterschiedliche Zugänge zum Begriffsverständnis – sie interpretieren und analysieren damit Solidarität in verschiedenen Ausprägungen im Rahmen unterschiedlicher theoretischer Perspektiven. Zwei Artikel befassen sich theoriegeleitet mit empirischen Analysen zu Österreich, ein weiterer theoretisch wie empirisch mit der EU.

Alexander Heindl und Karolin-Sophie Stüber argumentieren in „Die Pluralität von Solidaritäten und Formen der Kritik“, politische Solidarität neu zu konzeptualisieren, indem sie sich auf die politische Philosophie Hannah Arendts und Chantal Mouffes beziehen: Solidarität ist demnach stets im Plural und in Verschiedenheit, in konfliktären praktischen Kontroversen um Grundlagen des Zusammenlebens, um den „Kampf um das Allgemeine“ zu verstehen. Die AutorInnen arbeiten heraus, dass daraus einerseits ein demokratisches Potenzial der Selbstermächtigung resultiert und andererseits solidarische Praktiken kritisch zu prüfen sind: Drei mögliche Kritikformen werden mit praktischen Beispielen erörtert.

„Sozialstaatliche Solidarität und gesellschaftliche Anerkennung von Lebenschancen“ behandeln Andreas Schadauer, Carina Altreiter, Jörg Flecker und Saskja Schindler. Der Sozialstaat wird als institutionalisierte Form von Solidarität und Solidarität mit anerkennungspolitischen Differenzierungen zwischen „Wir“ und den „Anderen“ (somit zwischen Einschluss und Ausschluss) konzeptualisiert. Die AutorInnen arbeiten gestützt auf eine repräsentative Telefonumfrage unter Berufstätigen im Jahr 2017 unterschiedliche Einstellungen zur sozialstaatlichen Unterstützung von „kinderreichen Familien“, „Langzeitarbeitslosen“ und „Flüchtlingen“ heraus: Unterschiedliche spezifische Gesellschaftsbilder prägen demnach solidarische wie entsolidarisierende bzw. unsolidarische Einstellungen zu diesen drei Gruppen. Die AutorInnen werfen abschließend Fragen nach der Wirkung sozialstaatlicher Solidaritätsarrangements auf die Einstellungen zum Sozialstaat auf.

Martina Zandonella, Andreas Holzer und Corinna Mayerl analysieren auf Basis einer repräsentativen telefonischen Erhebung im Jahr 2018 Auswirkungen von Ungleichheit auf die solidarischen Einstellungen von ArbeitnehmerInnen – bezogen auf Zustimmung zum Sozialstaat, Solidarität in Bezug auf gemeinsame Interessen, und Solidarität in Bezug auf die Interessen anderer. Sie argumentieren, dass ungleiches ökonomisches und kulturelles Kapital sowie die soziale Anerkennung der Arbeit unterschiedliche Ausprägungen solidarischer Einstellungen bestimmen.

Andreas Exner theoretisiert solidarische Ökonomien als Paradigma von Wirtschaft und sozialen Beziehungen – als Alternative zum Paradigma des kapitalistischen Unternehmens. Im Zentrum steht „eine gabetheoretische Grundlegung“, die Exner vom Anthropologen Marcel Mauss ableitet, – zwei unterschiedliche reziproke Gabezyklen von Geben und Erwidern ermöglichen umfassende oder aber limitierte Solidaritätsbeziehungen. Er argumentiert, dass gabetheoretische Überlegungen über die Ökonomie hinaus das Verständnis von menschlichem Handeln und Gesellschaft neu begründen können, und skizziert Strategien zum Aufbau solidarischer Ökonomien.

Doris Wydra thematisiert Herausforderungen für ein europäisches Solidaritätskonzept nach der Finanzkrise, als der Vertrag von Lissabon 2009 im Sinne „einer von Solidarität gekennzeichneten Gesellschaft“ die Mitgliedstaaten der EU zu solidarischem Verhalten in zahlreichen Politikbereichen aufrief und dennoch in der Praxis Austerität statt Solidarität forciert wurde. Die Autorin argumentiert, dass europäische Solidarität wesentlich von der Solidaritätskonzeption des deutschen Ordoliberalismus geprägt wird: Die Einhaltung von (rechtlichen) Regeln durch die Mitgliedstaaten in einem wettbewerbsorientierten Binnenmarkt erodiert allerdings Solidarität insofern, als das zentrale Versprechen der Wirtschaftsverfassung, Wohlstand für alle zu garantieren, nicht eingelöst werden kann. Entsolidarisierungstendenzen könnte durch eine Verpflichtung zur Solidarität im Sinne politischer Gerechtigkeit und Sozialstaatlichkeit entgegengewirkt werden, was wiederum eine stärkere BürgerInnenbeteiligung und demokratische Legitimation erfordern würde.

Hermann-Josef Große Kracht befasst sich mit den geschichtlichen wissenschaftlichen Wurzeln des Solidaritätsbegriffs bei Auguste Comte und Èmile Durkheim sowie mit der postliberalen Sozialtheorie des französischen Solidarismus um 1900. Comte und Durkheim konzipieren Solidarität als Struktur sozialen Zusammenhalts moderner arbeitsteiliger Gesellschaften. Der darauf aufbauende Solidarismus verwirft die politische Philosophie der Aufklärung, individuell-liberal konzipierte bürgerliche Freiheit und Gleichheit sowie Gesellschaftsvertragskonzepte zugunsten an sozialer Gerechtigkeit, sozialer Ökonomie und Politik orientierter Vorstellungen. Die Rückbesinnung auf die weitgehend vergessene postliberale solidaristische Solidarität könnte aktuelle Debatten über den Rechts- und Wohlfahrtsstaat fruchtbar anregen.