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Aktuelles Heft: Berufliche Aus- und Weiterbildung in einer sich wandelnden Arbeitswelt - Editorial

Nr. 3/ 2019 widmet sich primär dem Schwerpunkt „Berufliche Aus- und Weiterbildung in einer sich wandelnden Arbeitswelt“.

Martin Mayerl, Peter Schlögl und Alexander Schmölz behandeln die Frage „Wie wird berufliches Lernen im Betrieb organisiert?“ und untersuchen dafür den betrieblichen Teil der dualen Ausbildung in Österreich (eine Ausbildung, die Lernende in Betrieb und Berufsschule absolvieren). Nach Ausführungen zur Relevanz und Begriffsbestimmungen der Organisation von beruflichem Lernen im Kontext dualer Ausbildung analysieren die Autoren zwei quantitative empirische Untersuchungen, an denen sie mitgewirkt haben: eine Betriebsbefragung 2015/ 16 über Lehrausbildung sowie den 2. Österreichischen Lehrlingsmonitor 2017/ 18. Die auf Basis von Regressionsanalysen und -modellen ermittelten Ergebnisse zeigen, dass berufliches Lernen am Lernort Betrieb überwiegend in arbeitsintegrierten Lernformen auf dem Tätigkeitsniveau von An-/ Ungelernten und weniger auf dem Niveau von Facharbeitskräften, somit suboptimal, erfolgt. Das Autorenteam stellt deshalb abschließend Überlegungen zur Diskussion, das Potenzial beruflichen Lernens in der dualen Ausbildung besser ausgeschöpft werden kann.

Katharina Resch, Henrike Terhart, Gertraud Kremsner, Camilla Pellech und Michelle Proyer befassen sich mit Ambivalenzen der Anerkennung beruflicher Qualifikation von international ausgebildeten Lehrkräften mit Fluchterfahrung in Österreich, wobei sie auch europaweite Entwicklungen und Befunde berücksichtigen: Die Autorinnen präsentieren Ergebnisse ihrer Begleitforschung zum Zertifikationskurs „Bildungswissenschaftliche Grundlagen für Lehrkräfte mit Fluchthintergrund“ an der Universität Wien als einziger österreichischen hochschulischen Qualifizierungsmaßnahme für diese Personengruppe, ergänzt um eine Analyse des internationalen „R/ Equal“-Projekts (mit Beteiligung von Hochschulen in Deutschland, Österreich und Schweden), das sich auch auf Lehrkräfte mit Fluchterfahrung bezieht. Datengrundlage sind 2018/ 19 durchgeführte qualitative Interviews mit TeilnehmerInnen beider Qualifizierungsmaßnahmen. Im Zentrum der Analyse steht die Frage, welche Barrieren der beruflichen Anerkennung von Qualifikationen es gibt und wie diese Barrieren wirken. Die Autorinnen arbeiten Anerkennungsprobleme/ Ambivalenzen der Anerkennung auf allen vier identifizierten Ebenen der Anerkennung (formal-administrative, universitäre, informelle Ebene sowie Ebene des (schulischen) Arbeitsmarkts) heraus. Abschließend folgen Überlegungen zum weiteren Forschungsbedarf und für eine Erweiterung von Qualifizierungsprogrammen von international ausgebildeten Lehrkräften mit Fluchterfahrung.

Thema des Beitrags von Roland Loos sind Vereinbarungen der Sozialpartner zur Qualifizierung und beruflichen Weiterbildung von Arbeitskräften in Deutschland, deren innovatives Potenzial und ihr Mehrwert für mögliche ähnliche Vereinbarungen in Österreich. Dem Artikel liegt eine eigene Erhebung zugrunde, die wesentlich gestützt ist auf qualitative ExpertInneninterviews im Auftrag der Arbeiterkammer Wien im Jahr 2018. Loos identifiziert vier innovative tarifvertragliche Vereinbarungen im öffentlichen Dienst sowie in der Metall- und Elektroindustrie als good-practice-Beispiele: ein jährliches Qualifizierungsgespräch mit Arbeitskräften, Regelungen für Bildungsteilzeit und Bildungsfreistellung sowie eine gemeinsame Sozialpartner-Agentur zur Förderung von Möglichkeiten zu Qualifizierung und beruflicher Weiterbildung in den Betrieben. Der Autor zeigt Vorteile wie Umsetzungsprobleme auf und argumentiert, dass ähnliche Vereinbarungen auch in Österreich Qualifizierung und berufliche Weiterbildung von Arbeitskräften fördern könnten.

Margareta Kreimer, Andrea Leitner und Mila Jonjic beschäftigen sich mit Geschlechtersegregation im Kontext des Berufsbildungssystems und sich verändernder Arbeitswelten: Die Autorinnen fragen danach, wie das Berufsbildungssystem und die berufliche Segregation in zwei stark segregierten Bereichen, den männerdominierten Bereichen Mathematik, Informations- und Kommunikationstechnologie, Naturwissenschaft und Technik (MINT) sowie den frauendominierten Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziales (BGS) zusammenhängen. Einem Überblick über den internationalen Forschungsstand folgt die Auswertung dreier österreichischer Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebungen im Zeitraum 2005–2017. Die Autorinnen zeigen auf, dass sich geschlechtsspezifische Bildungssegregation trotz gewisser de-segregierender Tendenzen weiterhin in hohem Maße auf das Berufssystem überträgt. Aufbauend auf ihren Analysen und auf Erkenntnissen der Digitalisierungsforschung formulieren sie Schlussfolgerungen dazu, welches Potenzial ein künftiger Abbau von Segregation in den MINT- und BGS-Bereichen hat.

Außerhalb des Schwerpunkts erörtern Marlene Ecker und Barbara Haas die Frage, wie prekär SozialarbeiterInnen in Österreich das eigene Berufsfeld und die Lebenslage ihrer KlientInnen wahrnehmen. Nach Ausführungen über theoretische Konzepte zu Prekarität sowie über empirische internationale Untersuchungen präsentieren die Autorinnen Ergebnisse einer im Zuge einer Masterarbeit von Ecker am Department Sozioökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien Ende 2018 durchgeführten Erhebung, die sich auf eine Auswertung qualitativer Interviews, orientiert an der Grounded Theory, stützt. Die Autorinnen erweitern den Begriff „Prekarität“ um Dimensionen einer institutionellen Abhängigkeit von übergeordneten Stellen: Die fehlende Partizipation, die SozialarbeiterInnen in ihrem Berufsfeld wahrnehmen, sowie zunehmende soziale Unsicherheiten in diesem Feld verstärken wiederum in ihrer Wahrnehmung die Prekarität der Lebenslage ihrer KlientInnen. In diesem Zusammenhang stellen Ecker und Haas drei Thesen zur Diskussion und schließen mit einem Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf.